Georg Dörr, Michelstadt

Peter Dörr
In einer Veröffentlichung "Der Odenwald und seine Nachbargebiete", die 1900 in Stuttgart erschien, heißt es u.a.: "Bierbrauereien zählt man im Odenwald etwa 50 mit 370 Arbeitern. Davon kommen 128 in 12 Betrieben auf Darmstadt und 85 in 10 Betrieben auf Heidelberg. Im bayerischen Odenwalde sind bedeutendere Brauereien zu Miltenberg, Großostheim und Obernburg."

In Michelstadt waren es gerade noch drei, nachdem um 1800 hier 13 existierten. Heute ist neben einer seit 1994 bestehenden Gasthausbrauerei nur noch die Brauerei Dörr in Betrieb.

Die Ursprünge dieser Brauerei reichen weit zurück. Johann Sebastian Häußler, der 1688 geboren wurde und aus der Zürcher Gegend in den Odenwald einwanderte, soll sie gegründet haben. Er war Musketier beim Gräflichen Erbachischen Militär und heiratete 1721 die Wirtstochter Agnes Margarethe Rösinger. Sie bewirtschafteten zusammen die Gaststätte "Zur Amsel". Er bezeichnete sich damals schon als Küfer und Bierbrauer.

Der Sohn Johann Hermann (1722-1790) war ebenfalls Bierbrauermeister und Amselwirt, später auch Waldschütz. Dessen Sohn Kilian (1757-1819) betrieb danach die Brauerei und die Wirtschaft. Auch dessen Sohn Johann Ludwig (1792-1858) setzte die Familientradition fort, bis mit Johann Hermann (1821-1875) die fünf Generationen währende Ära Häußler zu Ende ging.

Die Brauerei betrieb Johann Sebastian Häußler zunächst in der "Amsel". Kilian kaufte dann für seinen Sohn Johann Ludwig die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Hofstätte. Nach einem größeren Um- und Ausbau richtete dieser dort eine neue Brauerei ein. Johann Ludwigs einzige Tochter Eva Margarethe heiratete 1858 den aus Wembach stammenden Peter Dörr (1831-1898), der neben der Brauerei in dem Haus Nr. 20 in der heutigen Bahnhofstraße die Wirtschaft "Zum Deutschen Haus" einrichtete. Dieses Anwesen dient heute noch als traditioneller Brauereiausschank. Auch sind die Gebäude der ehemaligen Brauerei noch erhalten.

Peter Dörr war 1854 nach Amerika ausgewandert und arbeitete in Baltimore als Küfer und Bierbrauer. 1858 kehrte er, aus welchen Gründen auch immer, nach Deutschland zurück. Sein Vater war schon recht früh, 1840, gestorben. Nach dessen Tod erlernte Peter das Küfer- und Brauerhandwerk, das ihm später offensichtlich den Aufbau einer Existenz "über dem Teich" ermöglichen sollte. Drei erhaltene Briefe an seine Mutter und Geschwister geben keine Auskunft über seine Rückkehrgründe, aber sie enthalten interessante Details über die beschwerliche Überfahrt und das Arbeitsleben in den Staaten.

Peters Sohn Georg Adam Dörr (1860-1911) übernahm 1886 die Brauerei und die Wirtschaft, wobei im damaligen Gewerbeverzeichnis vermerkt wurde: "Bierbrauer von 800 bis 3000 Hektoliter, Branntweinbrenner bis 100 Hektoliter, Gastwirt". Der Name "Georg Dörr" ist in den Schlussstein eines Torbogens mit einem Bierfass und der Jahreszahl 1823 eingemeißelt. Vermutlich ist diese Zahl ein Hinweis auf den Neubeginn der Brauerei in der Hofstätte.

Nachfolger war der Sohn Georg Ferdinand (1896-1981), der ab 1926 die Geschäfte führte. Anfangs hatte er wegen der Konzessionierung Probleme mit der Kreisbehörde, weil er mit seinem Gesuch eine Erweiterung um einige Fremdenzimmer anstrebte. Dafür erhielt er jedoch keine Erlaubnis. Er begann noch zusammen mit seinem Sohn Georg Wilhelm ab 1960 die Brauerei aus den beengten Verhältnissen in der Bahnhofstraße 20 in die Hochstraße 15, auf dem "Kalksteinkeller", zu verlegen. Die letzte Hochbaumaßnahme erfolgte dort mit der Errichtung eines vollautomatischen Sudhauses im Jahre 1975. Vorher befanden sich hier bereits Lager- und Gärkeller, die man in dem felsigen Untergrund angelegt hatte. Der Brauereiausschank profitierte ebenfalls von der Verlagerung des Betriebs, da nun Platz war für die Einrichtung eines romantischen Biergartens.

1972 übernahm Georg Wilhelm Dörr die Leitung der Brauerei. Weitere große Investitionen waren 1985 der neue Lagerkeller sowie Lagerhallen für die alkoholfreien Getränke und Garagen. 1990 erfolgte die Umstellung auf KEG-Fässer. 1998 wurde die Flaschenfüllerei modernisiert. Auch die Buchhaltung stellte man auf EDVErfassung um.

Mit den jetzigen Inhabern Georg Ulrich Dörr und seiner Schwester Carola Dörr führt bereits die 9. Generation die sehr lange Michelstädter Biertradition als einzige gewerbliche Brauerei fort, nachdem sie mit ihrem Betrieb schon ebenfalls auf ein fast 300-jähriges Bestehen zurückblicken können.

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