Faust, Miltenberg

Anzeige im 'Bote vom Unter-Main' vom 18.4.1908
Die verheerenden Folgen des Dreißigjährigen Krieges mit einem totalen Niedergang der gesamten Wirtschaft brachten auch das Brauwesen praktisch zum Erliegen. Ein schneller Wiederaufbau nach den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück 1648 lag natürlich im Interesse der jeweiligen Landesherren. So lockte die Regierung von Mainz, zu deren Herrschaftsbereich Miltenberg damals gehörte, durch besondere Anreize Einwanderer in die Region.

Unter den neuen Ansiedlern in Miltenberg befand sich auch der Bierbrauer Kilian Francois Mathieu Servantaine aus Suman im Lütticher Land, im heutigen Belgien. In den Umbgeldbüchern der Stadt erscheint am 6. November 1654 sein Name zum ersten Mal unter den umbgeldpflichtigen Bierwirten. Es steht somit einwandfrei fest, dass 1654 als Gründungsjahr der Brauerei angenommen werden kann.

Zunächst richtete er die Brauerei im Rückgebäude der ehemaligen Metzgerei Dosch, gegenüber dem Hotel Riesen, ein, erwarb aber schon 1661 von seinem Landsmann Egidius Donneux in der unteren Stadt im "Schwarzen Viertel ein wüst Haus", baute es neu auf und errichtete dahinter ein Bräuhaus. Kilian Franz Mathias (oder Mathes), wie der Name in der Zwischenzeit eingedeutscht wurde, erhielt 1664 auch das Schildrecht "Zum Weißen Löwen" für eine öffentliche Wirtschaft. Die Auflagen waren damals recht streng. Man genehmigte ihm das Recht zunächst nur für drei Jahre, oder wie es in der Originalurkunde heißt:

"...jedoch mit solchem Anhang, dass ihm dasselbige auf Wohlverhalten 3 Jahre lang treiben solle, solle ein Exzehs mit Einführung frembden Gesinds bey nächtlicher weyl geführet werden, darvor zur Straf angesetzt seyn 5 fl oder der Rath nach Jar und Tag in Ausführung einiges Exzehses, den Schildt wiederumb abzuthun haben".

Die Brauerei florierte offenbar recht gut, denn Kilians Sohn Dossing Franz Mathes kaufte das Nachbarhaus, welches einen steinernen Treppengiebel besaß und um 1400 von dem Schultheis Wilhelm von Echternach erbaut wurde. Kilian Franzmathes starb hochbetagt am 11. November 1704.

Der Namenswirrwarr, der nach der "Eindeutschung" französischer Namen oft eintrat, sei hier an dem des Brauereigründers einmal aufgezeigt. Ein Sohn von Kilian Francois Mathieu Servantaine erhielt zusätzlich den Namen "Toussaint", welches aus dem Französischen stammt und "Alle Heiligen" bedeutet. Doch damit konnten die zuständigen Amtsschreiber und Pfarrer nicht viel anfangen. So schrieben sie Dossing oder auch Dassing Franz Mathes. Und weil im Deutschen Franzmathes eben viel mehr nach einem Vornamen klingt, als Dossing, wurde kurzerhand der ursprüngliche Vorname zum Familiennamen umfunktioniert. Die Nachkommen dieses Franzmathes Dossing sind in Bürgstadt ansässig geworden und so kann man mit Sicherheit annehmen, dass alle Bürgstadter "Dassing" direkte Nachkommen des Gründers dieser Brauerei Kilian Francois Mathieu Servantaine sind.

Ein anderer Sohn des Gründers, Franziskus, heiratete in die "Sonne" in Tauberbischofsheim, wo er als sehr geachteter Posthalter 1719 verstarb.

Nach Dossings Tod ging der "Weiße Löwen" in drei Teile auf seine Witwe, auf seinen Sohn Johann und auf Franz Seris, wahrscheinlich Dossings Schwager, über. Seris brachte den Gesamtbesitz an sich. Das muss aber nach 1729 gewesen sein, denn in den Mainzer Polizeiakten dieses Jahres besaß ein Franz Mathes noch die Brau- und Schildgerechtsame "Zum Weißen Löwen".

1755wurde nach dem Tod der Witwe des Franz Seris der Gastwirt Ignaz Heimberger Besitzer des "Löwen". Ihm gehörten auch die Gasthäuser "Zum Strauß" und "Zur Krone". 1795/96 war Andreas Schneider Inhaber. 1796 folgte ihm Franz Anton Ludwig als Eigentümer nach. Er ließ das heutige Büro und Wohngebäude in der jetzigen Form errichten und erneuerte die Schankgerechtigkeit. Seine Initialen mit der Jahreszahl 1796 und einem Bierfass sind heute noch über dem Eingang zu sehen. Ein noch vorhandenes Gasthausschild "Zum Weißen Löwen" soll aus dieser Zeit stammen.

Die Tochter Ludwigs heiratete Johann Adam Uhrig, den Wirt des Gasthauses "Zum Schwert" am Marktplatz, der 1823 den "Löwen" kaufte, aber schon zwei Jahre später an seinen Schwager Georg Anton Krug abgab. Dieser führte die Brauerei recht erfolgreich. Schon 1830 installierte er die erste Dampfmaschine weit und breit. Sie muss ein besonders robustes Exemplar gewesen sein, denn noch über 100 Jahre später lief sie zur vollen Zufriedenheit der Betreiber in einem Sägewerk der Umgebung. Georg Anton Krugs Sohn August war einer der Anführer der freiheitlichen Bewegung 1848 und musste aus diesem Grund 1849 nach Amerika fliehen, wohin ihm sein Vater 1850 nachfolgte. Sie gründeten in Milwaukee eine Brauerei, die spätere Brauerei Schlitz, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorübergehend zur zweitgrößten Brauerei der Welt entwickelte.

Dieser August Krug hatte 1842 einen Antrag an die Stadt gestellt und um die Genehmigung zur Einrichtung einer Wasserleitung vom Main in die Brauerei gebeten. Die technischen Einzelheiten sind in diesem Antrag exakt aufgeführt und lesenswert.

"Die Leitung des Wassers soll auf folgende Weise hergestellt werden: In das Flussbett soll zunächst am Ufer in einer Höhe von 17 Zoll über Null ein mit Böschungsquader geschützter steinerner Behälter a) angelegt werden, in welchem ein Rohr, welches unter dem Mainweg bis zur Stadtmauer läuft, das Wasser aufnimmt und in den Behälter b) leitet. Aus diesem Wasserbehälter b) wird das Wasser durch das Rohr c) des Saug- und Druckwerkes in die bestimmte Höhe gebracht und unter dem ganzen Haus und der Hauptstraße durch in die Brauerei geleitet" . Die technisch anspruchsvolle Maßnahme wurde unter einigen Auflagen genehmigt und umgehend durchgeführt. Bis 1884 genügte diese Wasserversorgung den Anforderungen.

Die Löwenbrauerei wurde 1849 an Peter Müller aus Königshofen für 11.000 Gulden verkauft. 1855 ging sie an Josef Sittinger aus Seligenstadt und 1869 an Thomas Klein über, welcher die Witwe Sittingers geheiratet hatte. 1872 erwarb die ziemlich herunter gekommene Brauerei ein Konsortium für 14.000 Gulden. Gesellschafter waren der Lammwirt Johann Wolf, der Rosenwirt Josef Motzel und der Handelsmann Elias Mosbacher. Die "Miltenberger Gesellschaftsbrauerei", wie sie sich nun nannte, verpflichtete 1875 den aus Eisenbach stammenden Braumeister und Küfer Johann Adalbert Faust. Dieser kaufte in den folgenden 20 Jahren die einzelnen Gesellschafteranteile auf und war 1895 Alleininhaber. Von da an hieß sie auch wieder "Löwenbrauerei Miltenberg". Aufgrund seiner beruflichen Tüchtigkeit führte er die Brauerei recht erfolgreich. Er wurde aber auch tatkräftig unterstützt durch seine ebenfalls aus Eisenbach stammende Ehefrau Babette und seine Kinder, wobei sich die Töchter vor allem um die Wirtschaft kümmerten.

In den Jahren 1907 bis 1913 lag der jährliche Bierausstoß der Löwenbrauerei zwischen 5.000 und 6.000 hl. Sie war somit die größte der sechs einheimischen Brauereien.

Vor Rückschlägen verschiedenster Art blieb aber auch J.A. Faust nicht verschont. So meldete der "Bote vom Untermain" in einer Zeitungsnotiz vom 12. Mai 1894:

"In der Fasshalle der Brauerei zum Löwen brach gestern Abend gegen 6 Uhr Feuer aus. Trotz rascher und ausgiebiger Hilfeleistung seitens der Feuerwehr und der übrigen Einwohnerschaft war das brennende Gebäude nicht zu retten und mußte sich die Hauptthätigkeit auf den Schutz der anstoßenden Häuser beschränken. Um 7 Uhr war das Feuer der Hauptsache nach bewältigt. Der Schaden an Faßmaterial, das in der Halle aufgespeichert lag, ist ein ziemlich bedeutender. Von Bürgstadt und Kleinheubach waren Feuerwehr-Abtheilungen zur Hilfeleistung erschienen. Ueber die Ursache des Brandes konnte bis jetzt nichts festgestellt werden".

J.A. Faust verlegte daraufhin die Fasshalle und errichtete dort eine Sommerwirtschaft. Ein Ratsprotokoll vom 23. April 1894 erwähnt einen dementsprechenden Antrag.

Ein anderes Unglück ereignete sich am Silvestertag 1913. An diesem Tag stürzte die Nordostseite des erst wenige Monate zuvor errichteten Eisweihers ein und hinterließ in einem Teil des Betriebs und in einigen Nachbarhäusern große Verwüstungen.

Der Erste Weltkrieg brachte natürlich erhebliche Schwierigkeiten, die sich auch in großen Umsatzrückgängen widerspiegelten. Trotzdem gelang es in dieser Zeit dem ältesten Sohn von Johann Adalbert, Gottfried, der in der Zwischenzeit in die Firma eingetreten war, 1917 die ehemalige Müllersche Brauerei - heute Hypobank - zum Preis von 43.000 Mark und etwas später, zusammen mit seinem Bruder Carl, die Brauerei "Zum Hopfengarten" zu erwerben.

Die Malzschüttung im Sudhaus belief sich in den Kriegszeiten auf 750 kg und bei dem späteren Dünnbier auf 25o kg. Der Gärkeller hatte ein Fassungsvermögen von knapp 300 hl, der Lagerkeller ein solches von 1.6oo hl. Die vorhandene Dampfmaschine leistete 25 PS.

Am 1. Januar 1921 übergab J.A. Faust den Betrieb seinem Sohn, der es mit viel Geschick verstand ihn durch die schwere Zeit der Inflation und die Weltwirtschaftskrise zu führen. Da seine Ehe kinderlos blieb, nahm er 1926 seinen Bruder Carl als Teilhaber in das Geschäft auf.

Die Jahre des sogen. Dritten Reichs brachten zunächst zwar einen wirtschaftlichen Aufschwung, führten aber bekanntlich in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. 1939 wurde ein Ausstoß von 11.000 hl erreicht, der bis 1945 auf 6.000 hl sank und dank der Misswirtschaft einer zeitweiligen Treuhandverwaltung 1948 nur noch 3.500 hl betrug.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Währungsreform 1948 ging es auch mit der Löwenbrauerei wieder bergauf. Ein paar Ausstoßzahlen sollen das veranschaulichen.



1950: 5.000 h

1955: 8.700 hl

1960: 17.000 hl

1965: 23.500 hl. Diese positive Entwicklung zog natürlich erhebliche Investitionen nach sich. Nur die wichtigsten seien hier erwähnt.

1951: Neuer Lagerkeller

1955/56: Lagerkellerweiterung

1958/60: neues Sudhaus

1963/64: Neues Kühlhaus, neuer Gärkeller, Lagerkellererweiterung.

In den 50er Jahren trat mit den Söhnen Hans-Hermann und Gottfried , die dritte Faust-Generation in die Brauerei ein. Nach ihrem Studium in Weihenstephan arbeiteten sie zunächst in verschiedenen Brauereien, bevor sie nach Hause zurückkehrten. 1970 zog sich Carl Faust völlig vom Betrieb zurück.

Die Aufwärtsentwicklung in der Brauwirtschaft wurde Ende der 60er Jahre mit dem Erreichen der Sättigungsgrenze gestoppt. Das führte zu verschärftem Preiswettbewerb, der sich vor allem auf dem Flaschenbiersektor bemerkbar machte. Da es stets die Firmenphilosophie der Löwenbrauerei war den Qualitätsgedanken über Wachstum zu stellen, musste sie in den 70er Jahren beachtliche Einbußen im Flaschenbiersektor hinnehmen, die auch durch Zuwächse bei Fassbier nicht ausgeglichen werden konnten. Durch ein gutes Marketing, bessere Verkaufsstrategien und natürlich eine überzeugende Produktqualität konnte dieser Trend umgekehrt werden. Aber auch durch für kleinere Brauereien durchaus nicht übliche Verkaufsstrategien wurde eine gute Entwicklung unterstützt. So exportierte die Löwenbrauerei Miltenberg über ein Jahrzehnt Bier in die USA. Starker Preisverfall und finanzielle Risiken waren der Grund für die Aufgabe des Exportgeschäfts. Eine weitere recht interessante Absatzaktivität war eine Lizenzvereinbarung mit einer südenglischen Privatbrauerei in den 80er und Anfang der 90er Jahre, die sich sehr imagefördernd auswirkte. Die Brauerei Eldridge Pope in Dorchester produzierte unter dem Namen "Faust Lager" untergäriges Bier für den südenglischen Markt - es wurde auch in London ausgeschenkt. Leider endete diese Zusammenarbeit mit der Übernahme und der Stillegung der Brauerei durch einen Großkonzern.

Seit etwa 1980 verzeichnete die Brauerei ein stetes Wachstum. 1990 wurde erstmals die 30.000 hl-Marke überschritten. 1995 waren es 40.000 hl - die Übernahme von Kunden der Brauerei Etzel in Amorbach 1994 machte sich hier bemerkbar. Deutlich kam dieser positiven Entwicklung aber auch zugute, dass "Faust" sich zu einem Markennamen entwickelt hatte. Daher war es auch folgerichtig, dass die "Löwenbrauerei Miltenberg" sich seit Juli 1993 "Brauhaus Faust" nennt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch das ganze Erscheinungsbild auf ein einheitliches Logo umgestellt. Die Folge waren erhebliche Investitionen in Werbeanlagen und neue Bierkästen. Anfang der 1990er Jahre traten mit Dipl. Ing. Cornelius Faust und Dipl. Betriebswirt Johannes Faust die vierte Faust-Generation in die Geschäftsleitung der Familienbrauerei ein. Nacheinander wurden alle Betriebsteile auf modernsten Stand gebracht. Mit großem Sachverstand ist hier Brautradition mit innovativer Technik vereint worden. Als Meilensteine seien auszugsweise genannt: Sudhausautomation (1989), automatische Fassabfüllung (1991), neuer Lagerkeller (1995), Flaschenfüller (1996), Sudpfanne mit Energiesparkonzept (1999), Filtration (2002), Umbau der Logistik (2002), Drucktank- und Lagerkeller (2003), Flaschenfüllereineubau (2003). Weizengär- und Reifekeller (2004). Parallel wurde beständig in einen leistungsfähigen Fuhrpark und den Festeservice investiert. Auch neue Gebinde wie z.B. das Faust-Keggy (1997) und die Bügelverschlussflasche (1999) wurden auf den Markt gebracht.

Ein besonderes Highlight war 2001 die Neueröffnung des Gasthaus "Zum Riesen". Dieses wurde vom Brauhaus Faust von Grund auf renoviert. Hierbei wurde ein Wirtshauskonzept entwickelt und umgesetzt, das dem "Riesen" als ältestes Gasthaus Deutschlands besonders gerecht wird. 2005 wurde hierfür der erste Preis "Neues Leben im alten Ort" der Sparkassenstiftung verleihen. 2005 eröffnete auch die Brauereigaststätte "Faust - Bräustübchen, Lounge, Biergarten" mit einem jungen, frischen Konzept.

Besonderer Wert wurde stets auch auf den Umweltbereich gelegt, für den ebenfalls beachtliche Mittel aufgewendet wurden und werden. Als erste von über 300 Brauereien in Franken führte das Brauhaus Faust das nach der EG-Öko-Audit-Verordnung zertifizierte Umweltmanagement-System ein. Dafür wurde ihm der erste Umweltpreis des Landkreises Miltenberg und die Bayerische Umweltmedaille 2002 verliehen.

Festzuhalten ist noch, dass seit Johann Adalbert Faust in Miltenberg ansässig wurde sich alle Familiengenerationen Faust im kommunalen Bereich auf verschiedenen Ebenen stets stark engagiert haben und damit ihre Verantwortung für das Allgemeinwohl bewiesen. Auch auf beruflicher Ebene war und ist das der Fall.

Zwölf Bierspezialitäten, abgefüllt in Fass und Flaschen, werden in der Region Bayerischer Untermain sowie den angrenzenden hessischen und badischen Gebieten angeboten, getreu dem Slogan "Faust. Das bleibt unter uns"!

2009 wurde entwickelte das Brauhaus Faust, als erste Brauerei der Region ein alkoholfreies Weizenbier. Dieses überzeugte aufgrund seines besonderen Geschmacks nicht nur die Verbraucher in der Heimat sondern sorgte weit über die Region hinaus für Aufmerksamkeit.

Auch nach über 350 Jahren bleibt das Brauhaus Faust seinem Qualitätsanspruch und der Liebe zur Heimat weiter treu und dies gilt auch für die Zukunft. Dies zeigen unter anderem der Preis der Besten in Gold, den das Brauhaus jährlich für hervorragende Leistungen erhält, vordere Platzierungen beim European Beerstar und die regelmäßigen DLG Medaillen. Unser Engagement für die Region haben wir weiter ausgebaut und das Faust Kulturnetz , die Faust Freizeit-Angebote und die Faust Gastro-Akademie ins Leben gerufen.

Als Regionalbrauerei am bayrischen Untermain und als modernes mittelständisches Privatunternehmen blickt das Brauhaus Faust voll Zuversicht in die Zukunft.

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