Schmucker, Mossautal

1980, im Jubiläumsjahr, in welchem man das 200-jährige Bestehen der Brauerei feierte, war der Ausstoss an Eigenbier bereits auf 124.000 hl angewachsen. Wenn man bedenkt, dass die Biererzeugung 1893 gerade mal 180 hl betrug, kann man ermessen, welch rasante Entwicklung dieser Betrieb im Laufe des letzten Jahrhunderts hin zu einer der größten Privatbrauereien Hessens genommen hat.

Die Geschichte der Brauerei Schmucker beginnt im Jahr 1780. Der Schmied Ulrich Schönberger kam vom Histertal bei Zürich ins Mossautal und kaufte zu einem Spottpreis einen verwaisten Hof. Sein Ur-Urenkel Johann Nikolaus Schönberger (geb. 1744), "Hirschwirt" genannt, braute als erster Bier für den eigenen Bedarf. Es existiert ein Kaufbrief von 1812, in welchem von dem Gemeindemann, Bierbrauermeister und Gastwirt "Zum Hirsch", Johann Leonhard Schönberger, die Rede ist. 1832 wird Michael Schönberger, der Sohn von Nikolaus, als neuer Besitzer genannt. Ihm folgen nach Johann Michael und in der nächsten Generation Johannes Schönberger, der 1866 das Erbe antritt.

1895 heiratet Johann Gottlieb Schmucker aus Beerfelden ein und übernimmt das Schönberger Gut mit der Brauerei. Seither gilt der Name "Brauerei Schmucker". Waren bis dahin Gast- und Landwirtschaft Haupterwerbsquellen und die Brauerei lediglich von untergeordneter Bedeutung, so änderte sich das unter dem neuen Inhaber grundlegend. Johann Gottlieb Schmucker schrieb über die damaligen Verhältnisse: "Der gesamte Biervorrat betrug 6 hl, die Einrichtung sehr primitiver Art, ohne eine Antriebskraft, alles Handbetrieb, das Schroten mit der Hand, das Maischen ebenfalls, beim Kochen musste ständig mit der Hand gerührt werden, das Umfüllen aus dem hölzernen Maischbottich in den Kessel und umgekehrt geschah mit einem Schöpffass und einem Blechkandel, mit einer Handpumpe wurde dann zuletzt die Würze zum Kessel und später beim Ausschlagen auf das Kühlschiff überm Sudhaus gepumpt - durch Blechrohre, die alle Augenblicke defekt waren. Beim Brauen waren außer dem Biersieder noch drei Personen beschäftigt. Genau so primitiv war auch die Einrichtung der Mälzerei - denn damals wurde noch gemälzt - und genau so auch der Keller und die Wasserversorgung. Das Wasser musste zum Beispiel vom Hof aus an die Stellen, wo es gebraucht wurde, mit Eimern und Kannen verbracht werden und so musste auch das Schmutzwasser wieder aus dem Senkloch des Kellers heraufgetragen werden. Das Abfüllen von Bier geschah direkt am Lagerfass mit einem Darmschlauch - ein kleiner Filter war zwischengeschaltet - und die Transportfässer mussten dorthin und wieder zurückgetragen werden".

Johann Gottlieb Schmucker blieb nichts anderes übrig als kräftig zu investieren, wollte er den Betrieb aufrecht erhalten. Er nahm Um- und Neubauten vor und schaffte neue Maschinen, Gärbottiche und Lagerfässer an. Das Sudhaus wurde modernisiert. Als erstes aber wurde ein Abwasserkanal gebaut, der heute noch in Betrieb ist. Gär- und Lagerkeller wurden erneuert und der Eiskeller vergrößert. 1898 wurde ein Dampferzeuger mit Dampfkessel und Transmissionen angeschafft. Dadurch war es möglich ein qualitativ gutes Produkt zu erzeugen, so dass der ursprünglich nicht gerade gute Ruf des Bieres sich allmählich besserte. Dies wiederum wirkte sich aus in steigenden Ausstoßzahlen. So erreichte man 1900 bereits 1.500 hl Umsatz und 1913 waren es schon über 2.000 hl. In dieser Zeit vor und natürlich während des Ersten Weltkriegs konnte man nicht viel investieren und der Krieg brachte zusätzlich die bekannten Rückschläge und Belastungen.

1921 übernimmt Friedrich Gottlieb Schmucker die Brauerei. Er setzte konsequent die Weiterentwicklung des Betriebes fort. 1924 wurde der erste Lastwagen angeschafft. Als der LKW das erste Mal durch das Mossautal fuhr, durften die Kinder die Schule verlassen und dem kühnen Fahrer, Adam Eckart, zuwinken. Das erzählt man

sich heute noch im Ort. 1926 wurde der Lagerkeller erweitert und mit sechs stehenden Stahltanks belegt. Im gleichen Jahr wurde mit dem Bau eines neuen Gärkellers begonnen und die ersten vier Gärtanks wurden gekauft. 1927 erfolgte die Aufstellung einer neuen Eismaschine, was eine Erweiterung der Maschinenhalle zur Folge hatte. Ebenso war es nötig eine neue Wasserleitung, einen Wasserhochbehälter und eine neue Pumpstation zu installieren. Der Umsatz steigerte sich ständig und erreichte 1928 6.500 Hektoliter. Durch die Weltwirtschaftskrise hat er sich in den folgenden Jahren allerdings halbiert. Erst ab 1934 ging es wieder bergauf. Das Brauereigebäude wurde aufgestockt und die Anlagen wurden modernisiert. So wurden ein Filter, eine Flaschenwaschmaschine , ein halbautomatischer Fassfüller, eine Schrotmühle u.a. angeschafft.

Der Zweite Weltkrieg beendete diese positive Entwicklung. 1939 war man bei über 9.000 hl Ausstoß angelangt. Nach der Währungsreform waren es nur noch 5.000 hl, aber 1951 erreichte man wieder den Vorkriegsausstoß.

1948 begann Peter Lippmann, der Schwiegersohn von Friedrich Gottlieb Schmucker, seine erfolgreiche Tätigkeit in Ober-Mossau. Er führte die Brauerei zu ihrer heutigen Bedeutung. Dabei war der Anfang nach der Währungsreform alles andere als einfach. 1957 wurde ein neues Sudhaus mit Verwaltungsgebäude errichtet. Als erste Brauerei in Deutschland baute man eine Kläranlage. 1960 kletterte der Bierausstoß auf 50.000 hl. 1963 kam ein mehrstöckiges Flaschenkellergebäude hinzu, 1964 erfolgte die Sudhauserweiterung. 1969 begann man mit dem Bau eines neuen Hochhauses für Gär- und Lagertanks. 1970 liegt der Ausstoß bei 95.000 hl. Um diese Zeit machen sich auf dem Biermarkt erstmals Sättigungstendenzen bemerkbar. Die Brauerei Schmucker verzeichnet zwar weiterhin noch Zuwächse, aber sie verlaufen nicht mehr so stürmisch. 1973 wurde die 100.000 hl-Marke überschritten. Im Jubiläumsjahr 1980 waren es dann 124.000 hl. 1978 wurde wieder erheblich investiert in neue Fassreinigung, Fassabfüllung, Leer- und Vollguthalle sowie in eine neue Filtrationsanlage. Peter Lippmann übergab die Geschäftsführung an seinen ältesten Sohn Friedrich Martin.

1983 wurden bereits 150.000 hl Ausstoß erreicht. 1984 erhielt die Brauerei Schmucker als erstes Unternehmen in Deutschland von der Deutschen Umweltstiftung den Umweltehrenbrief mit Medaille.

Ein neues Sudhaus wurde 1985 in Betrieb genommen und der neue Brauereigasthof eröffnet. In den folgenden Jahren waren fortlaufend Erweiterungsinvestitionen notwendig. 1991 wurden erstmals 200.000 hl Jahresausstoß erreicht. Auch in den 90er Jahren investierte man weiterhin kräftig. 1993 entstand ein neues Logistikzentrum. Der neue Flaschenkeller mit einer Leistung von 50.000 Flaschen wurde eingeweiht und eine Entalkoholisierungsanlage in Betrieb genommen.

Erstmals wurde auch Bier in die USA exportiert. Außerdem liefert man nach Italien und Spanien.

Der zunehmenden Konkurrenz, vor allem der Fernsehbiere, wurde u.a. mit einer starken Verbreiterung des Angebots begegnet. So stellte man ab dem Jahre 2000 achtzehn Biersorten her. Dabei waren die zahlreichen Mischgetränke eine Antwort auf die veränderte Bierkultur und auf die Einführung der 0,5 Promille-Grenze.

2002 würde ein neuer Gär-, Lager- und Filterbereichs fertig gestellt. Damit wurden in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten insgesamt mehr als 25 Mio. Euro investiert. Ein für eine mittelständische Privat-Brauerei ungewöhnlicher Kraftakt.

Anfang 2006 wurde die traditionsreiche Brauerei Schmucker den Brauereien Fürstenberg und Hoepfner angegliedert, die beide zur Brauholding International gehören, einer Gruppe an der die Münchner Schörghuber Gruppe und die niederländische Heinecken beteiligt sind.

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